Die Golden Gate National Recreation Area, ein Naturpark rund um das Golden Gate bei San Francisco, ist nicht nur eine imposante Natur-, sondern auch eine militarisierte Landschaft. Viele Küstenbatterien und Befestigungsanlagen zeugen von der strategischen Bedeutung dieses Küstenabschnitts vom amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Ende des Ost-West-Konflikts. Ein Teil davon ist das SF-88 Cold War Museum, wo die einzige erhaltene Anlage dieses Waffentyps in den USA (und vermutlich weltweit) besichtigt werden kann.

Flugabwehrrakete vom Typ Nike Hercules im SF-88 Cold War Museum

Flugabwehrrakete vom Typ Nike Hercules im SF-88 Cold War Museum

Golden Gate National Recreation Area contains an amazing collection of seacoast fortifications that offers examples of nearly every important development in military fortification from the Civil War to the Cold War. No matter how they were constructed, all the fortifications were all built with one purpose – to protect San Francisco Bay from enemy attack. The batteries of Golden Gate National Recreation Area provide physical examples of the nation’s changing history and examples of the military’s need to constantly modify and update its own technology. (Golden Gate National Recreation Area)

Nike-Flugabwehrraketen

SF-88 ist eine von ehemals 12 Nike-Flugabwehrraketen-Stellungen in der San Francisco Bay Area. Insgesamt 300 dieser Batterien wurden zwischen 1954 und 1974 in den USA in Betrieb genommen. Sie dienten der Verteidigung gegen Luftangriffe durch große Bomberverbände – ähnlich, wie sie im Zweiten Weltkrieg stattgefunden hatten. Dazu konnten die Nike-Raketen auch mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden, die über einem feindlichen Bomerverband gezündet werden sollten.

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Nike Missile Site SF-88, Marin County, Kalifornien

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Nike Missile Site SF-88, Kalifornien, USA: 37.827318, -122.527020

Auch in Deutschland gab es 54 Nike-Batterien, die neben der Bundeswehr auch von Gaststreitkräften betrieben wurden. Im Untersuchungsraum dieses Projekts – Schleswig-Holstein und der sogenannte Fulda Gap – waren jedoch keine Nike-Stellungen. Hier waren andere Waffensysteme wie die Flugabwehrraketen vom Typ HAWK stationiert (z.B. auf dem Finkenberg bei Fulda).

Ein Waffensystem als Museum

Das SF-88 Museum zeigt detailliert die Funktionsweise dieses Waffensystems – Fahrt mit dem Raketen-Fahrstuhl inklusive. Auf Schautafeln wird neben der Technik auch der Alltag der Soldaten erläutert. Viele junge Männer, Anfang zwanzig und oft das erste Mal von zu Hause weg, erlebten ihren Dienst als andauernden Ausnahmezustand. Nicht nur während der Kuba-Krise 1961 wussten viele nicht, wie bald mit einem ‚heißen‘ Krieg zu rechnen war.

Nur wenige Kilometer von San Francisco entfernt – der Stadt des Summer of Love, der Hippies und der Friedensbewegung – erscheint die Raketen-Batterie wie ein Relikt aus einer anderen Welt. Hier führen Junge Leute des National Park Service und Veteranen aus der Zeit des Kalten Krieges Besucher über das Gelände. Spätestens an der Stelle, an der den Museumsbesuchern erzählt wird, dass auch atomare Sprengköpfe für die nur rund 130 Kilometer weit fliegenden Raketen hätten verwendet werden sollen, läuft einem in der warmen Sonne Kaliforniens ein kalter Schauer den Rücken herunter.

 

Misstöne in der Geschichte? Was wird nicht erzählt?

Misstöne in der Geschichte? Was wird nicht erzählt?

Misstöne

Auf einem improvisierten Plakat fragen die Freiwilligen des Museums (sinngemäß): Wie beeinflussen Auslassungen unser Verständnis der Geschichte? Können wir Misstöne, verloren gegangene Geschichten, wieder in die Amerikanische Geschichte einordnen?

Gemeint sind die atomare Bewaffnung der Raketen, die massive Rüstungspolitik des Kalten Krieges – und natürlich auch die 130 Soldaten, die nötig waren, um allein diese Batterie am Laufen zu halten und hohem psychischen Belastungen ausgesetzt wurden. In den sonst so patriotischen Vereinigten Staaten überraschten diese leisen Misstöne aus dem Museum.

Sicherheitszäune, Technik über Technik, große Raketen. Ein kleines Museum am historischen Ort. Nur weil die Museumsmitarbeiter die richtigen Fragen stellten bestand keine Gefahr der Faszination der Technik zu erliegen.

(Museumsbesuch im Sommer 2010)