Erinnern global: Unter diesem Titel sollen hier in loser Folge Orte in aller Welt vorgestellt werden, wo an Aspekte des Kalten Krieges erinnert wird. Den Anfang macht die Kubakrise vom Oktober 1962.

Die Kubakrise von 1962 wird gerne als die „gefährlichste Situation des Kalten Krieges“ (Andy 2009: 324) bezeichnet und spielt in der Erinnerungskultur eine entsprechend große Rolle. Kaum eine Dokumentation zum Kalten Krieg kommt ohne ‚die Welt am Rande des Atomkrieges‘ aus; Kinofilme wie ‚Thirteen Days‘ (2000) führen auch einer jüngeren Generation, die diese Zeit nicht miterlebt hat, die Kubakrise dramatisch vor Augen.

Doch was ist mit den Kubanern selbst? Die USA und die Sowjetunion haben die Krise ohne Einbindung des kubanischen Regimes gelöst (Spenser 2009). Dementsprechend sei die Krise dort im Nachhinein eher als nationale Schmach empfunden worden und kaum ein Thema auf nationaler oder lokaler Ebene (Burström et al. 2009). Ein Team aus schwedischen Archäologen und Historikern recherchierte zwischen 2005 und 2007 und besuchte drei der ehemals sechs Raketen-Abschussbasen, die sowjetische Truppen von Sommer bis Herbst 1962 errichteten – und dann wieder abbauten.

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In ihrem Buch ‚World Crisis in Ruins‘ (2011) dokumentieren Mats Burström, Anders Gustafsson und Håkan Karlsson das, was davon noch übrig ist. Gefunden haben die Archäologen bei ihren Grabungen jedoch ‚enttäuschend‘ wenig. Die sowjetischen Soldaten haben in der kurzen Zeit nur wenig zurückgelassen; übriggebliebenes Material wurde nach dem Abzug der Truppen von Einheimischen gesammelt und zu Weidezäunen, Schuppen oder Bodenbefestigungen umgenutzt.

Überreste einer Montagehalle für Raketen (San Cristobal III) Foto: Mats Burström

Überreste einer Montagehalle für Raketen (San Cristobal III)
Foto: Mats Burström

Doch statt vielen Dingen nahmen die Archäologen zahlreiche Geschichten mit nach Hause. Zwar begeneten Einheimische und Behörden den Archäologen zunächst skeptisch. Doch spätestens beim Anblick der amerikanischen Spionagefotos, die einige noch nie gesehen hatten, fangen sie an zu erzählen: von Enteignung, vom Abriss mancher Häuser, auch von freundlichen Kontakten mit sowjetischen Soldaten. Es sind die ‚kleinen Erzählungen‘ hinter der ‚großen Geschichte‘ der Kubakrise.

US-Spionagefoto
Foto: The National Security Archive, George Washington University

In einem Aufsatz für die Fachzeitschrift Journal of Social Archaeology fassen Mats Burström und seine kubanischen und schwedischen Kollegen zusammen (Burström et al. 2009: 296):

„Die Ergebnisse unserer Feldarbeit zeigen, dass Archäologie zu betreiben in vielerlei Hinsicht genauso wichtig ist, wenn nicht sogar wichtiger, als das, was tatsächlich aus dem Erdreich geborgen wird.“

Unumwunden räumen die Autoren ein, dass sie die Erinnerung an den Kalten Krieg, die sie erforschen wollten, mit ihren Grabungen und Recherchen vor Ort womöglich stark beeinflusst haben. So wurde 2007 in ihrem Beisein eine Gedenktafel auf einer alten Abschussrampe eingerichtet; außerdem sind touristische Programme und ein Denkmalkonzept in der Planung. Entwicklungen, von denen vor den Recherchen der Wissenschafftler keine Rede gewesen ist.

Gedenktafel am Standort 'San Cristobal III' Foto: Mats Burström

Gedenktafel am Standort ‚San Cristobal III‘
‚Die Startposition für eine sowjetische Atomrakete, Typ R-12, während der Oktober-Krise von 1962.‘
Foto: Mats Burström

 

Herzlichen Dank an Mats Burström für die freundliche Genehmigung zur Verwendung von zwei Fotos aus ‚Memories of a World Crisis‘.
Literatur

Andy, Joshua C. (2009): Operation »Anadyr«. Die sowjetische militärische Führung und die Kubakrise 1962. Aus dem Englischen von Felix Kurz. In: Bernd Greiner, Christian Th Müller und Dierk Walter (Hg.): Krisen im Kalten Krieg. Lizenzausgabe. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung (Schriftenreihe, 767), S. 321–342.

Burström, Mats  et al. (2009): Memories of a world crisis: The archaeology of a former Soviet nuclear missile site in Cuba. In: Journal of Social Archaeology 9 (3), S. 295–318.

Burström, Mats; Gustafsson, Anders; Karlsson, Håkan (2011): World Crisis in Ruins. The Archaeology of the Former Soviet Nuclear Missile Sites in Cuba. Lindome: Bricoleur Press.

Spenser, Daniela (2009): Die Kubakrise 1962 und ihre Folgen für das kubanisch-sowjetische Verhältnis. Aus dem Englischen von Felix Kurz. In: Bernd Greiner, Christian Th. Müller und Dierk Walter (Hg.): Krisen im Kalten Krieg. Lizenzausgabe. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung (Schriftenreihe, 767), S. 297–320.