‚Bevor sie weg sind‘

Viele Meldungen im Pressespiegel zur ‚Erinnerungslandschaft Kalter Krieg‘ beziehen sich auf den Verkauf oder den Abriss von Bunkern. Eine Initiative im Internet, die eine Datenbank der öffentlichen Zivilschutzanlagen des Kalten Krieges betreibt, hat kürzlich dazu aufgerufen, die letzten fehlenden Anlagen zu dokumentieren „bevor sie weg sind„. Viele werden verkauft, umgebaut oder gar abgerissen.

Doch was für Bunker sind das eigentlich? Warum stehen derzeit so viele von ihnen zum Verkauf? Und was passiert dann mit den Bunkern? Ein Überblick:

Öffentliche Schutzräume in der alten Bundesrepublik

Als Teil des sogenannten Baulichen Bevölkerungsschutzes wurden in der Bundesrepublik Deutschland gegen Ende des Kalten Krieges etwa 2.000 öffentliche Schutzräume vorgehalten. Dabei handelte es sich zu großen Teilen um instandgesetzte Hoch- und Tiefbunker sowie Stollenbauwerke des Luftschutzes aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Außerdem wurden auch Neubauten errichtet, die in der Regel als sogenannte Mehrzweckanlagen ausgeführt waren. Häufig sind das Tiefgaragen, wie zum Beispiel die Tiefgarage des Rathauses in Flensburg, die auch als Großschutzräume nutzbar waren.

Bestens gerüstet: Teller, Besteck und Klopapier für 2.000 Personen liegen in Flensburg noch bereit.

Bestens gerüstet: Teller, Besteck und Klopapier für 2.000 Personen lagen bis Anfang diesen Jahres in Flensburg noch bereit

Die Schutzräume boten „einer begrenzten Anzahl von Personen für einen längeren Zeitraum Schutz gegen herabfallende Trümmer und Brandeinwirkung sowie gegen chemische, biologische, radiologische und nukleare Kampfmittel“ (BBK). Hier hätte jeder im Falle eines Angriffs rund 14 Tage unter beengten Bedingungen schutz suchen können und den nuklearen Fallout abgewartet. Neben den öffentlichen Schutzräumen, zu denen auch Hilfskrankenhäuser zählen, gab es auch zahlreiche Behördenschutzräume und Ausweichsitze der Landesregierungen, die jedoch nicht für jedermann offen waren. Nähere Informationen zu Art, Ausstattung und Anzahl von Zivilschutzanlagen hat u.a. geschichtsspuren.de übersichtlich aufbereitet.

Schutzräume in Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein gab es 2008 insgesamt 31 öffentliche Schutzräume, allein 15 in der Landeshauptstadt Kiel. Hier hätten aber dennoch nur rund 16.000 Personen Schutz suchen können. Kiel hatte zur Zeit des Kalten Krieges stets rund 230.000 EinwohnerInnen.

Aufgabe des Schutzraumkonzeptes

Im Jahr 2007 wurde das Schutzbauprogramm der Bundesrepublik Deutschland aufgegeben. Seit 2009 entlässt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Anlagen schrittweise aus der Zivilschutzbindung. Sobald diese nicht mehr vorliegt, entscheiden sich die Eigentümer häufig für einen Verkauf, da gerade Hochbunker häufig in attraktiven städtischen Lagen zu finden sind. Eigentümer sind neben dem Bund vor allem Kommunen, aber auch die Länder. Der Bund hatte den Kommunen zur Zeit des Kalten Krieges lediglich die Mehrkosten aus der Nutzung als Schutzraum erstattet und dafür die Zivilschutzbindung der Anlagen festgeschrieben. Sobald diese nicht mehr vorliegt, können die Eigentümerinnen – das gilt auch für öffentlich geförderte private Hausschutzräume – die Anlagen zu Zwecken nutzen, die die Schutzraumfunktion ausschließen und die Anlagen verändern oder abbauen. Dies war vorher nur nach besonderer Genehmigung möglich.

Eine der hydraulisch betriebenen Türen an den drei Schleusenkammern.

Drucktür einer Schleuse

Faszination Bunker‘

„Bunker beflügeln die Fantasie – und genau die ist gefragt bei der Entwicklung von innovativen Nutzungskonzepten für diese massiven Bauwerke: Aktuell wartet bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) ein Bestand von ca. 70 Bunkern darauf, neue Eigentümer zu finden.“

Wo der Bund Eigentümer ist, verwertet er diese Immobilien durch die BImA. Diese hat das Programm ‚Faszination Bunker‚ aufgelegt, um die Vermarktung der ehemaligen Zivilschutzanlagen zu befördern.

Bunker: Kulturstätten? Geschichtsorte? Wertvolles Bauland?

Viele Bunker wurden in den letzten Jahren durch die Eigentümer vermietet und häufig günstig Vereinen, Bands und gemeinnützigen Zwecken überlassen. Wenn sie verkauft werden, fällt diese Nutzung meist weg, da an ihrer Stelle häufig Wohn- und Geschäftsnutzungen einziehen sollen. Dazu werden die Bunker aufwändig umgestaltet oder abgerissen, um Neubauten Platz zu machen.

Andererseits werden Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges (die häufig schon aus der NS-Zeit stammen) als Orte der Geschichte und der Politischen Bildung gesehen. Einige Bunker stehen unter Denkmalschutz (vgl. Karte der denkmalgeschützten Relike des Kalten Krieges) oder werden von örtlichen Initiativen als Bunkermuseum (z.B. in Hannover) betrieben oder in Führungen (in Schleswig-Holstein z.B. durch unter hamburg e.V.) gezeigt.

Spannend ist es in jedem Einzelfall, wie Eigentümerinnen, Verwaltungen, Initiativen und Bürgerinnen und Bürger vor Ort mit diesen Relikten umgehen. Was aus ‚ihrem‘ Bunker wird, ob man froh über den Abriss eines ‚Schandflecks‘ ist, ein Mahnmal der Geschichte erhalten will oder kulturelle Nachnutzung vorzieht – diese und andere Möglichkeiten sind Gegenstand des Forschungsprojekts ‚Militarisierte Landschaften – Erinnerungslandschaften‚.