Bei einer Routine-Recherche im Internet zum Thema Fulda Gap – man könnte auch sagen beim Zeit verdaddeln mit google – bin ich neulich auf das oben velinkte Video gestoßen. Es ist ein Ausschnitt aus einem Zeitzeugeninterview mit dem Fuldaer Winfried Witzel und wurde im Rahmen des Projekts Gedächtnis der Nation 2011 aufgezeichnet.

In dem Ausschnitt bittet die Interviewerin den Zeitzeugen, die Situation für die Bevölkerung im Fulda Gap zu beschreiben. Witzel berichtet, dass die Lage im Fulda Gap der Bevölkerung eigentlich kaum bewusst gewesen sei. Man habe zwar gewusst, dass zahlreiche ‚Sprengfallen‘ in der Region aufgebaut worden seien, um einen möglichen Vormarsch der Truppen des Warschauer Pakts zu stoppen. Es habe auch eine Raketenstation bei Großenlüder gegeben (der hier schon ein paar mal genannte Finkenberg) und auch NATO-Munitionslager in den Wäldern. Aber die Dimension der möglichen Bedrohung sei eigentlich erst nach der Wende bewusst geworden. Er selbst habe einmal die Radarstellung auf der Wasserkuppe besichtigt und sei Zeuge eines Alarms geworden, bei dem drei westliche Abfangjäger ein Privatflugzeug aus der Tschechoslowakei abgefangen hätten.

Verein ‚Gedächtnis der Nation‘

Der viereinhalbminütige Interviewausschnitt ist einer von ‚mehr als tausend Videoclips‘ auf www.gedaechtnis-der-nation.de. Es handelt sich dabei um einen 2006 von den Journalisten Guido Knopp (ZDF Zeitgeschichte) und Hans-Ulrich Jörges (Zeitschrift stern) gegründeten gemeinnützigen Verein ‚Unsere Geschichte. Gedächtnis der Nation‘ mit Sitz beim ZDF in Mainz. Angelehnt an das Zeitzeugenprojekt der SHOA Foundation sammelt der Verein

… Erzählungen von Zeitzeugen zu Alltagserfahrungen und zentralen Momenten der deutschen Geschichte. […] Sie bilden die Mosaiksteine im Geschichtsbild einer Nation und prägen das Selbstverständnis einer Gesellschaft. 1
Im Jahr 2011 fuhr acht Wochen lang der ‚Jahrhundertbus‘ mit einem mobilen Aufnahmestudio durch die Lande um ‚Erinnerungen an ein geteiltes Deutschland‘ aufzuzeichnen – darunter auch Witzels Erinnerungen an den Fulda Gap. Dieses Jahr war der thematische Schwerpunkt die Migrationsgeschichte im Rhein-Main-Gebiet. Außerdem kann man über den eigenen YouTube-Kanal auch von zu Hause aus eigene Zeitzeugenberichte zur Datenbank beitragen.

Datenbank

Der Geschichtsinteressierte kann auf mehreren Wegen Zugriff zu den Videoschnipseln erlangen: Neben dem Jahrhundertbus-Blog, über den ich auf das Projekt gestoßen bin, kann man unter dem Stichwort Erleben Videos sortiert nach ‚Ereignissen‘, ‚Themen‘ und ‚Jahrhundertzeugen‘ anzeigen.
Während unter dem Stichwort ‚Jahrhundertzeugen‘ ausschließlich Prominente zu Wort kommen und unter ‚Themen‘ einzelne Videos zu großen Themen der deutssch-deutschen Geschichte, dem Holocaust, oder der deutschen Einwanderungsgeschichte des 20. Jahrhunderts abgerufen werden können, hält der Abschnitt ‚Ereignisse‘ auch einige Geschehnisse mit Bezug zum Kalten Krieg im engeren Sinne bereit. Ich beziehe mich hier also auf mein Interessengebiet. Da wären z. B. die Berlinblockade 1948, die Wiederbewaffnung in West und Ost 1956, der Mauerbau 1961, die Kuba-Krise 1962, der NATO-Doppelbeschluss 1981 oder der Mauerfall 1989. Zu jedem Ereignis gibt es ein kurzes Einführungsvideo mit historischen Bildaufnahmen, Interviewausschnitten und Kommentar sowie mehrere Ausschnitte aus Interviews zum Anklicken. Zum NATO-Doppelbeschluss kommen unter anderem Claudia Roth, der Historiker Heinrich August Winkler und Hans-Dietrich Genscher in wenigen Minuten langen Ausschnitten zu Wort.

Wie beschäftigt sich unsere Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit?

Und spätestens hier ergeben sich einige Fragen: natürlich sind alle drei Zeitzeugen, doch Heinrich August Winkler spricht eben nicht in seiner Eigenschaft als Zeitzeuge, sondern vielmehr als Experte. Dabei hält der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats von ‚Gedächtnis der Nation‘,Sönke Neitzel, fest:
Die moderne Erinnerungsforschung interessiert sich vor allem für die Art und Weise, wie Zeitzeugen ihre Erlebnisse rekonstruieren, was Jahrzehnte danach berichtet und was weggelassen, was sachlich geschildert und was emotional ausgeführt wird. So versucht man einer übergreifenden Grammatik der Erinnerung nachzuspüren, die die deutsche Erinnerungskultur prägt und etwas darüber aussagt, wie sich unsere Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. 2
Weder die verschieden kurzen Interviewschnipsel noch die Aufnahmen von Historikern unter den Interviews können diesen Anspruch einlösen. Trotz der redaktionellen Bereitstellung der Daten in den ‚Ereignissen‘ bleibt die ‚Datenbank‘ sehr unübersichtlich: Ich habe keine Möglichkeit gefunden, ganze Interviews anzusehen. Auch die Metadaten zu den Interviews sind äußerst knapp. Immerhin erscheinen die Angebote für den Schulunterricht auf den ersten Blick sehr hilfreich.
Auch wenn der Verein gemeinnützig mit seiner Datenbank eine „eine Aufgabe von hoher gesellschaftlicher und kultureller Bedeutung“ 3 wahrnehmen will, so besteht doch Anlass für die Vermutung, dass er nicht ganz uneigennützlich im Sinne einiger Mitglieder handelt. In den Bedingungen für das Hochladen eigener Berichte auf YouTube wird festgehalten:
Durch die Teilnahme und das Hochladen von Bildern, Videos und/oder sonstigen Inhalten […] übertragen Sie dem Verein „Unsere Geschichte. Gedächtnis der Nation“  daran […] unentgeltlich die nicht-ausschließlichen zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkten Rechte auch zur Weiterübertragung auf Dritte. 4

Eine Nutzung der freiwilligen Zeitzeugenberichte in Fernsehdokumentation oder Ähnlichem ist also denkbar.

Bereits vor etwa einem Jahr gab es eine Debatte zu dem Projekt. Neben Klaus Graf hat Thomas Spahn in seinem Blog laut über die ‚Knoppisierung der Zeitzeugenportale‘ nachgedacht und warnt vor einem Zeitzeugenportal der Kategorie ’nationale Meistererzählung‘ – auch wenn ein buntes Nebeneinander der Interviewstimmen durchaus möglich sei.5 Der Historiker Stefan Kraus wies vieldeutig auf den „sehr illustre[n] kommerzielle[n] Unterstützerkreis (u. a. Bertelsmann, Daimler, google, stern und natürlich das ZDF)“ hin. Wie erfolgreich das partizipativ angelegte YouTube-Modell mit dem Partner google ist, lässt sich leider schwer herausfinden: Zu diesem besonders spannenden Aspekt gab es auf den Seiten des Vereins keine Angaben etwa dazu, wieviele Teilnehmer bisher ein Video hochgeladen haben.

Fazit

Der Interviewausschnitt mit Winfried Witzel ist ein spannendes Dokument, dass etwas über die persönliche Perspektive eines Zeitzeugen auf den Aspekt Fulda Gap im Zusammenhang des Kalten Krieges aussagt. Als Quelle für eine wissenschaftliche Arbeit dürfte der kleine Ausschnitt kaum ausreichen – denn zu viel vom Kontext des Interviews ist in der auf gedaechtnis-der-nation.de angebotenen Form einfach nicht verfügbar. Das Portal an sich sagt aber aus meiner Sicht auch etwas darüber aus, wie wir in unserer Gesellschaft erinnern. Die durch eine Redaktion ausgewählten ‚Ereignisse‘ des 20. Jahrhunderts sind nur ein Hinweis darauf, dass Berichte vom Kalten Krieg in ‚Meistererzählungen‘ unserer Geschichte nicht fehlen dürfen. Und auch die Militarisierung des Fulda Gap war offenbar interessant genug, um sie im Blog der Jahhundertbus-Tour gesondert hervorzuheben.
5) Der Verein nimmt ausdrücklich für sich in Anspruch, er fördere „die historische Aufklärung durch Vermittlung eines multiperspektivischen Geschichtsbildes“ (http://www.gedaechtnis-der-nation.de/bilden)
Zugriff auf alle Seiten am 28.12.2012.