„Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ ist das Motto des Tags des offenen Denkmals am 8. September 2013. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz lädt die Veranstalter dazu ein, die „zentralen Fragestellungen der Denkmalpflege“ an diesem Tag öffentlich zu diskutieren:

Was ist wert, erhalten zu werden und weshalb? Was macht Denkmale unbequem und warum? Gibt es überhaupt „bequeme“ Denkmale?

‚Unbequeme Denkmale‘?

Das Motto für den Denkmaltag 2013 legt den Begriff des ‚unbequemen Denkmals‘ bewusst weit aus:

Zu den „unbequemen Denkmalen“ zählen viele Bauten, die heute im Allgemeinen aufgrund der politischen und sozialen Umstände ihrer Entstehungs- oder Nutzungszeit – in unterschiedlichem Ausmaß – ein gewisses Unbehagen oder sehr negative Gefühle auslösen.

Dazu gehörten z. B. militärische Anlagen aus unterschiedlichsten Zeiten, insbesondere aber auch Bauwerke aus der NS-Zeit, DDR-Grenzanalagen sowie öffentliche Bauten des Dritten Reichs und der DDR. Ferner seien auch Gebäude wie Gefängnisse, (Heil-)Anstalten oder Heime als Orte menschlichen Leids ‚unbequeme Denkmale‘.

Unbequem könnten aber auch ganz allgemein jüngere Bauwerke sein: in den letzten Jahren werde in der Denkmalpflege und der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert, ob Gebäude der 1950er, 60er, 70er und 80er Jahre denn ‚Denkmalwert‘ besäßen. Während an manchen Orten unter öffentlichem Protest abgerissen werde (z.B. der Palast der Republik in Berlin), käme es andernorts auch zu Protesten, wenn erhalten wird. Ich selbst sitze gerade in meinem Büro in der Kieler Universität in einem Gebäude aus den 1960er Jahren, über dessen Denkmalwert vor einigen Jahren leidenschaftlich gestritten wurde – und viele KollegInnen reagieren heute noch belustigt bis gereizt auf das Thema Denkmalpflege. 1

In der Theorie der Denkmalpflege ist der Begriff vom ‚unbequemen Denkmal‘ vor allem mit dem Namen Norbert Huse verbunden. Er bezog sich in seiner 1997 veröffentlichten Schrift ‚Unbequeme Baudenkmale. Entsorgen? Schützen? Pflegen?‘ 2 vor allem auf die seiner Meinung nach durch die Denkmalpflege vernachlässigten Hinterlassenschaften des 20. Jahrhunderts, insbesondere des NS-Regimes. Bei der Denkmalpflege gehe es eben nicht nur um die Erhaltung des Schönen, sondern um verantwortungsvollen Umgang mit Geschichte.

Denkmale des Kalten Krieges: ‚unbequem‘?

Für die Epoche des Kalten Krieges werden – so meine ich – sehr häufig zunächst Orte genannt, die an den Terror des SED-Regimes erinnern. Auch in der Beschreibung des Mottos für den Denkmaltag 2013 ist das der Fall. Es ist von DDR-Bauten und Resten der ehemaligen DDR-Grenzanlagen die Rede, die in einem Atemzug mit den Konzentrationslagern der NS-Zeit genannt werden. Das ist auch gar nicht abwegig, stimmt es doch auch mit einer knappen Zusammenfassung von ‚unbequemen Denkmalen‘ gut überein:

Kurzum, es handelt sich um Orte, an denen es Menschen nicht gut ging, an denen unterdrückt, gekämpft, gelitten und gestorben wurde, oder die daran erinnern. Diese Objekte sind bedeutende Zeitzeugen. Verantwortungsvoll historisch aufgearbeitet und allgemein verständlich erläutert, berichten sie uns ganz unmittelbar von den schwierigen bis katastrophalen Umständen ihrer Entstehungszeit.

Kalter Krieg als Denkmal: auch abseits der DDR-Grenzanlagen?

Auf das Motto des Denkmaltages 2013 bin ich erst durch das diese Woche veröffentlichte Plakat aufmerksam geworden, auf dem mir gleich zwei Denkmale des Kalten Krieges aufgefallen sind: ein ehemaliger DDR-Grenzturm bei Point Alpha und der Teufelsberg in Berlin. Letzterer wird in den Erläuterungen zu den Motiven des Plakats vorgestellt als ‚Ehemalige und verfallene US-Abhörstation aus der Zeit des Kalten Krieges auf der höchsten Berliner Erhebung, dem Teufelsberg‘. Das macht für mich recht deutlich, dass nach Auffassung der Initiatoren wohl auch Objekte des Kalten Krieges jenseits von DDR-Architektur und Grenzregime Denkmalwert haben können.

Militärische Anlagen auf dem Teufelsberg in Berlin

Militärische Anlagen auf dem Teufelsberg in Berlin

Soweit aus der Denkmaldatenbank der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt ersichtlich, steht die ehemalige Abhörstation bisher übrigens nicht unter Denkmalschutz. Dass der Teufelsberg es trotzdem auf das Plakat für den Denkmaltag geschafft hat, ist dann wohl auch als ein Hinweis auf die Kontroversen rund um die ehemalige US-Abhör- und Radarstation zu verstehen. Die Initiaive Teufelsberg bietet zwar mittlerweile Führungen über das von ihr gepachtete Gelände an, bekannt ist es aber eher für den Reiz, es illegal zu betreten. Das eingezäunte Gelände erfreute sich über längere Zeit hinweg (heute wird es durch einen Sicherheitsdienst bewacht) größter Beliebtheit bei Geocachern, Urban Explorern oder Anhängern von Szenepartys – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

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Die Diskussion um die weithin sichtbaren Militäranlagen auf Berlins höchstem Berg bleibt jedenfalls spannend: auch 2012 war das Gelände am Tag des offenen Denkmals zugänglich und der Bezirk Charlottenburg-Wilhelmsdorf strebt die Unterschutzstellung der Ruine an – obwohl der Landeskonservator das vor einiger Zeit schon mal ausgeschlossen hatte.

Relikte des Kalten Krieges in den Denkmallisten

Eine auf den ersten Blick ähnliche Anlage in Hessen steht übrigens seit 2009 unter Denkmalschutz: das sogenannte Radom auf der 950 Meter hohen Wasserkuppe in der Rhön. Auch hier gab es eine längere Debatte. Nach einer ersten Ansage des Hessischen Landesamts für Denkmalpflege von 1997, dass das Radom nicht schutzwürdig sei, kam dann Jahre später doch überraschend der Denkmalschutz-Status für das letzte verbliebene Radom der ehemaligen Luftverteidigungsstellung Wasserkuppe. Das Gebäude wurde übrigens erst nach Ende des Kalten Krieges in den 90er Jahren fertiggestellt und war nie aktiv für Luftverteidigung der Bundesrepublik. 3

Radom Wasserkuppe

Radom Wasserkuppe

Auch dieses Denkmal ist auf verschiedene Art und Weise unbequem – verursacht doch dessen Erhaltung hohe Kosten und war (und ist) es nicht wenigen ein Dorn im Auge mitten in der Mittelgebirgslandschaft der Rhön. Noch zentraler ist aber die Frage: Wofür steht das Radom eigentlich? Von einer schlichten Landmarke auf dem höchstens Berg Hessens über ein Relikt der Rüstung im Kalten Krieg (die Wasserkuppe war als Radarstellung Teil der Luftverteidigung) bis hin zu einem Denkmal für Deutsche Teilung und Deutsche Einheit reichen die Interpretationen. Unbequem kann hier schon die Feststellung sein, dass zwischen Positionen der Friedensbewegung und NATO-Veteranen hier bis heute völlig unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen können.

Grenzturm bei Point Alpha

Grenzturm bei Point Alpha

Die Liste solcher Kulturdenkmäler aus der Zeit des Kalten Krieges, die nicht zu den DDR-Grenzsperranlagen gehören, ist meines Wissens recht kurz: zu nennen wären außer dem Radom der ehemalige amerikanische Beobachtungsposten Point Alpha sowie einige wenige sogenannte vorbereitete Sperren in Hessen und Bayern 4. Für meine Untersuchungsgebiete (Schleswig-Holstein und der ‚Fulda Gap‘) sind mir keine weiteren Denkmale dieser Art bekannt. In der Bundesrepublik mag es noch ein paar mehr geben – dafür habe ich noch nicht sorgfältig genug recherchiert – aber gemessen an den geschichtlichen und gesellschaftlichen Dimensionen der Epoche des Kalten Krieges, erscheint mir die Zahl recht gering.

Relikte des Kalten Krieges. Irgenwie unbequem.

Auch wenn die Liste oben sicherlich unvollständig ist: Denkmale des Kalten Krieges sind offenbar aus verschiedenen Gründen ‚unbequem‘. Sie…

… sind als technische Sonderbauten (Radarstationen, Bunker, Sperranlagen, etc.) oft nur schwer sinnvoll anders zu nutzen und verursachen hohe Kosten im Erhalt.

… werden in den meisten Fällen wohl kaum wegen ihrer ‚Schönheit‘ anerkannt, sondern stören in Augen vieler eher das Landschaftsbild (auch wenn sie wie im Falle der Anlagen auf der Wasserkuppe oder auf dem Teufelsberg nach Jahrzehnten für manche auch einfach nur dazu gehören).

… sind Denkmale aus geschichtlichen Gründen, aber welche Bedeutung sie dabei in Bezug zum Kalten Krieg haben, hängt ganz vom Betrachter ab, denn der Kalte Krieg ist für viele auch die eigene Vergangenheit, die unterschiedlich interpretiert werden kann.

… sind häufig technische Denkmale, bei denen es großer Anstrengungen bedarf, nicht der Faszination für die oft imposante Technik von Militär und Zivilschutz (druckdichte Bunkertore, militärisches Gerät, etc.) zu erliegen, ohne den historischen Kontext zu würdigen.

Welche Relikte des Kalten Krieges sind es Ihrer Meinung nach wert, erhalten zu werden? Kennen Sie weitere Beispiele für Objekte, die schon unter Denkmalschutz stehen?

1) Vgl. zum Konflikt um den Denkmalschutz an der Kieler Universität Tauschek, Markus (2010): Denkmal wider Willen? Kulturanthropologische Perspektiven auf einen Kieler Konflikt. In: Kieler Blätter zur Volkskunde 42, S. 5–22.
2) Huse, Norbert (1997): Unbequeme Baudenkmale. Entsorgen? Schützen? Pflegen? München: Beck.
3) Über das Radom habe ich schon an anderer Stelle berichtet: Maus, Gunnar (2011): Landmarke, Symbol, Denkmal. Geschichte und Gegenwart des Radoms auf der Wasserkuppe. In: Denkmalpflege und Kulturgeschichte (4), S. 28–33.
4) Zu Bayern vgl. Ongyerth, Gerhard (2007): Fortifikationen des Kalten Krieges in der Denkmalliste – Methodische Ansätze der flächenbezogenen Denkmalforschung in Bayern. In: Denkmalpflege an Grenzen – Patrimoine sans frontières? Unter Mitarbeit von Andrea Bock. Saarbrücken (Denkmalpflege im Saarland, Arbeitsheft 1), S. 103–107.