‚Der Kalte Krieg – Weltpolitik im Schatten der Bombe‘ ist der Titel des Heftes 3/2012 des Magazins ZEIT Geschichte. Von den Grundlagen der Ost-West-Konfrontation über die militärstrategischen Planungen, die Beinahekatastrophen und die ‚heißen‘ Kriege in der Dritten Welt bis hin zur Friedensbewegung der 1980er zeichnet das Heft ein Panorama des Kalten Krieges. Einschlägig bekannte Historiker (u.a. Eckart Conze, Bernd Greiner, Rolf Steininger, Bernd Stöver) führen in das Thema ein. Den Abschluss des Heftes bildet jedoch kein abschließendes Resumé der Epoche des Kalten Krieges – sondern eine Reise in den Fulda Gap im Sommer 2012.

Christoph Dieckmann berichtet in seiner Reportage  ‚Schießplatz der Supermächte‘ vom sogenannten Fulda Gap, der militärstrategisch günstigen Senke zwischen Thüringer Wald, Vogelsberg und Rhön, wo Nato-Strategen im Falle des Dritten Weltkrieges einen Angriff der Warschauer-Pakt-Staaten erwarteten. Er besucht die Gedenkstätte Point Alpha bei Hünfeld, spricht u.a. mit den beiden Stiftungsdirektoren Volker Bausch und Henning Pietzsch, trifft in Fulda Peter Krahulec, einen osthessischen Friedensaktivisten, und stellt mit Thomas Köppe in Ilbenstadt bei Frankfurt am Main und Thomas Krüger bei Frauenwald im Thüringer Wald zwei ‚Bunkerkameraden‘ vor, die sich für den Erhalt zweier Bunkeranlagen aus dem Kalten Krieg einsetzen.

Museumsleiter

Blockkonfrontation im Fulda Gap? Links der Beobachtungsturm des Observation Post Alpha, rechts ein DDR-Grenzturm

Der Bericht vom Treffen mit den Direktoren der Point Alpha Stiftung in Geisa liest sich wie ein Streitgespräch. Süffisant merkt Dieckmann an, dass ‚die Story vom guten Amerikaner‘ hier doch nur bedingt zu erzählen sei, da die Amerikaner die Gegend hier schließlich für den Atomkrieg vorgesehen hätten. Am Ende sagten die Stiftungsdirektoren Bausch und Pietzsch lediglich, so Autor Dieckmann, dass es nicht zentrale Absicht der Ausstellung sei darzustellen, dass die Amerikaner hier die freie Welt verteidigt hätten. Tatsächlich – und das erwähnt Dieckmann nicht – wird die Dauerausstellung von Point Alpha bald überarbeitet. Die Stiftung schreibt gerade ein Volontariat im Rahmen der ‚Entwicklung einer neuen Dauerausstellung‘ aus. Mit spitzer Feder hält Dieckmann zum Gespräch mit den Stiftungsdirektoren fest: ob man die Rolle der Friedensbewegung hier berücksichtigen wolle, sei noch nicht ganz klar, denn man sei ‚inhaltlich noch nicht ganz fit‘ und müsse sehen, ob man da noch Ansprechpartner finden könne. Das sage nicht Dieckmann, sondern die Stiftungsdirektoren selbst.

Friedensaktivisten

Mit dem langjährigen Friedensaktivisten Peter Krahulec stellt Dieckmann gleich darauf eine ‚Prominenz der Friedensbewegung‘ vor. Er zitiert ihn mit den Worten: ‚In Point Alpha gewinnen sie immer noch den Kalten Krieg.‘ Der pensionierte Professor der Fuldaer Hochschule sei der ‚deutsche Entdecker des Begriffs Fulda Gap‘. Gemeinsam unternehmen die beiden eine Fahrt zu Orten der Militarisierung in Osthessen – unter anderem zum Finkenberg, den ich auf diesem Blog schon einmal kurz vorgestellt habe. Die Perversität der Militärplanungen für den Fulda Gap steht bei dieser Station auf Dieckmanns Reise im Vordergrund, die kalte Logik der Militärdoktrin der Mutual Assured Destruction (garantierte gegenseitige Zerstörung) – und sie steht in deutlichem Kontrast zu der Darstellung in der Dauerausstellung von Point Alpha, die Dieckmann als teilweise ‚gefühlsrasiert‘ bezeichnet.

Bunkerkameraden

Zum kalten Krieg gehörte die Unterwelt: Tausende von Bunkern aller Art und Größe. Die meisten sind unzugänglich. Etliche pflegt eine besondere Sorte Mensch: die Bunkerkameraden. Diese maskuline Spezies unterteilt sich in Historiker, Technikfreaks und Grottenolme.

Etwas unvermittelt wechselt die Reportage das Thema. Von der Kontroverse um die Rolle der Nato – Verteidigung westlicher Freiheit auf Kosten der lokalen Bevölkerung? – wendet sie sich dem Relikt des Kalten Krieges schlechthin (?) zu: dem Atombunker.

Zwei ‚Prachtbunker‘, die Abschnittsführungsstelle für Zivil- und Katastrophenschutz bei Ilbenstadt nördlich von Frankfurt am Main und die ehemalige Ausweichführungsstelle des Bezirks Suhl bei Frauenwald im Thüringer Wald, hat Dieckmann besucht. Irgendwo zwischen belustigt und beeindruckt schildert er die Bunkeranlagen und die sich für deren Erhaltung engagierenden ‚Bunkerkameraden‘. Thomas Krüger in Frauenwald trage ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚Bunkerkommandant‘ und führe seine Besucher ironisch bis sarkastisch durch diesen ’schrillen Ort‘. Ob er die Initiativen nun den Kategorien der Historiker, Technikfreaks oder Grottenolme zuordnet lässt er freilich offen. Doch wie schon im Rest der Reportage legt Dieckmann auch hier zwischen den Zeilen eine bestimmte Interpretation nahe.

Ist das (heute) der Fulda Gap?

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Ist das der Fulda Gap heute?

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Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte Point Alpha: 50.724061, 9.931703
Abschnittsführungsstelle für Zivil- und Katastrophenschutz bei Ilbenstadt: 50.272666, 8.808192
ehem. Ausweichführungsstelle des Bezirks Suhl bei Frauenwald: 50.608122, 10.847452

Dieser Artikel im ZEIT Magazin Geschichte beleuchtet ein interessantes Thema: Wie wird in einer Region, die einmal für einen als möglich erachteten Atomkrieg vorgesehen war, heute mit der Geschichte umgegangen? Damit setzt die Redaktion meiner Meinung nach ein nachdenkliches Zeichen. Noch 2008 hat eine Ausgabe des SPIEGEL Special Geschichte zum Kalten Krieg zwar auch die Monstrosität des Kalten Krieges dargestellt – aber wie heute an Schauplätzen wie dem Fulda Gap daran erinnert wird, das spielte keine Rolle. Hier scheint ein Prozess in Gang zu kommen, öffentlich zu diskutieren, was ehemals militarisierte Landschaften wie der Fulda Gap heute bedeuten.

Sicherlich spricht der Artikel von Christoph Dieckmann wichtige Aspekte an, wo und wie heute im Fulda Gap über die Geschichte des Kalten Krieges gesprochen wird. Doch hat er etwas übersehen? Mit wem hätte er noch sprechen sollen? Welche Orte hätte er noch besuchen können? Vielleicht haben Leser dieses Blogs ja Tipps für ihn.

Dieckmann, Christoph (2012): Schießplatz der Supermächte. Hier hättte der Dritte Weltkrieg begonnen: Eine Reise zum »Fulda Gap« ins hessisch-thüringische Grenzland. Mit Fotografien von Michael Hudler. In: ZEIT Geschichte (3), S. 98–104.