Im Deutschen haben wir Handys statt ‚mobile phones‚, Beamer statt ‚projectors‚ und Lost Places statt ‚abandoned places‚ – oder Verlassenen Orten. Die Geschichte (m)einer Verwirrung…

Vor kurzem habe ich verwundert festgestellt, dass der Begriff ‚Lost Place‘ mir noch nie in der englischsprachigen Literatur begegnet ist. Weder in der jüngst erschienen Dissertation von Bradley Garrett zum Urban Exploring noch in Tim Edensors viel zitierten Buch ‚Idustrial Ruins – Space, Aesthetics and Materiality‘ erscheint auch nur ein einziges Mal dieser Begriff. Mein Verdacht, dass es sich dabei um einen Scheinanglizismus handelt, scheint sich zu bestätigen: Der Wikipedia-Artikel zum Thema ‚Lost Place‘ ist sich dessen zumindest sicher. Der dort als Beleg dafür angegebene Artikel zum Thema Urban Exploring aus der Süddeutschen Zeitung des Journalisten Stephan Felix geht auf diese Frage zwar nicht direkt ein, aber er vermeidet eben den Begriff ‚Lost Place‘ für diejenigen Orte, die Urban Explorer gerne besuchen. Er spricht stattdessen lediglich von verlassenen Gebäuden, die eben vergessen oder ‚off the map‚ seien.

Auf der Suche nach Lost Places und Vergessenen Orten

Typischer Eindruck aus einem ‚Lost Place‘ (Foto von Ronny Schulz [CC-BY-SA-3.0])

Populär ist der Begriff Lost Place im deutschsprachigen Raum allemal: Beim Geocachen, also dem Suchen mit GPS-Gerät nach kleinen ‚Schätzen‘ an bestimmten Koordinaten, hat sich eine Kategorie der ‚Lost-Place-Caches‘ etabliert. Bei geocaching-sh.de gibt es zum Beispiel eine (mit Datum 2008 wohl nicht mehr ganz aktuelle) Auflistung von Lost-Place-Caches in Schleswig-Holstein. Das zweite Geocaching-Buch des Komikers Bernhard Hoëcker nennt sich zwar im Untertitel ‚Ein merkwürdiges Bilderbuch längst vergessener Orte‘ – doch die Rezensenten bei amazon lassen keinen Zweifel daran, dass es hier natürlich um Lost Places gehe. Zahlreiche private Websites (hier nur ein Beispiel) und Forenbeiträge berichten von Erlebnissen an solchen Orten. Andere bieten ganze Sammlungen von Lost Places zum Durchklicken an. Nichtsdestotrotz wird die deutsche Entsprechung ‚Vergessene Orte‘ vielleicht sogar ebenso häufig verwandt: So publiziert beispielsweise SPIEGEL-Online regelmäßig Artikel zu Vergessenen Orten und unter diesem Label finden sich weitere Foren und zahlreiche Publikationen.

Interessant finde ich dabei, dass insbesondere der Begriff ‚Lost Place‘ keineswegs unumstritten ist. Das bis heute auch über lostplaces.de erreichbare Projekt geschichtsspuren.de nimmt für sich (zumindest implizit) in Anspruch, den Begriff erfunden zu haben. Geprägt hätten ihn dann aber im Laufe der Zeit Andere, wie Geocacher und Urban Explorer. Deshalb habe man den Namen geändert. In ihrer Selbstvorstellung stellen die Betreiber der Seite unmissverständlich klar:

Wir sind weder Schatzsucher, Sondengänger, Militaria- oder Munitionssammler noch Abenteurer, Urban Explorer oder ‚Schleicher‘, sondern verstehen uns als ernsthafte Geschichtsforscher.

Diese Abgrenzung erinnert doch sehr an die Debatte über ‚Ruin Porn‘, eine Kritik an der fotografisch-voyeuristischen Erkundung solcher verlassener Orte, die im englischen Sprachraum für einige Aufregung gesorgt hat (und mit der ich mich im englischen Blogteil auch schon ein wenig beschäftigt habe).

Was ist denn nun ein Lost Place?

Ein Begriff, der offenbar noch nicht lange existiert und auch noch unterschiedlich genutzt und konnotiert wird, lässt sich sicherlich nicht so einfach definieren. Sicher scheint lediglich, dass Lost Place und Vergessener Ort ersteinmal dassselbe meinen. Deshalb versuche ich mich auch gar nicht erst an einer eigenen Definition, sondern kritisiere andere (denn meckern ist ja immer einfacher):

Die oben genannte Wikipedia-Definition zu Lost Place oder Vergesserner Ort hält fest:

Meistens handelt es sich um Bauwerke aus der jüngeren Geschichte, die entweder noch nicht historisch aufgearbeitet (bzw. erfasst) worden sind oder aufgrund ihrer geringen Bedeutung kein allgemeines Interesse finden und daher nicht als besonders erwähnenswert gelten.

Häufig seien das Industrieruinen oder ehemals militärisch genutzte Anlagen. Ich habe auch den Eindruck, dass es in der Regel um jüngere Relikte und nicht etwa um vorgeschichtliche Grabhügel geht (auch wenn es selbst dafür natürlich mindestens ein Beispiel gibt). Aber eine zeitliche Eingrenzung oder gar das Attestieren einer ‚geringen Bedeutung‘ (wer sagt das denn?) erscheint mir ein wenig zu einfach.

Wie werden Lost Places erlebt? (Foto: Johann H. Addicks – addicks@gmx.net [CC-sa-nc-nd/3.0])

Felix Stephan versucht im SZ-Artikel zwar auch keine Definition, aber er charakterisiert verlassene Gebäude dennoch anders:

Verlassene Gebäude bieten einen ehrlicheren Blick in die Vergangenheit als Museen, denn was man dort zu sehen bekommt, ist nicht kuratiert. Die Dinge sind nicht nach unseren Maßstäben zurechtgerückt und aufgearbeitet. Wenn man in einem Gebäude steht, das seit 30 Jahren nicht betreten wurde, steht nichts zwischen dem Betrachter und der Vergangenheit. Die Dinge in diesen Gebäuden verweisen nicht auf die Vergangenheit, sie sind selbst das Vergangene.

Hier geht es also nicht primär um die Materialität des Ortes als aus der Nutzung gefallenes Gebäude,  sondern eher um das Erleben (ganz offenbar orientiert er sich an der oben erwähnten geographischen Literatur). Das die Dinge in einem verlassenen Gebäude (ich nehme das jetzt mal als Lost-Place-Definition) nicht auf die Vergangenheit verweisen würden, sondern selbst das Vergangene seien, greift meiner Meinung nach dann aber wieder zu kurz. Denn dann wird ja der Lost Place weitgehend auf einen physisch-materiellen Ort reduziert und das Erleben dieses Ortes ist nur sekundär. Denn das Erleben steht dann meines Erachtens zwischen dem Betrachter und der Vergangenheit, und nicht etwa gar nichts.

Die oben erwähnte Entscheidung von geschichtsspuren.de, sich nicht mehr lostplaces.de zu nennen, oder die Diskussion über ruin porn zeigen, dass unterschiedliche Gruppen die selben Orte meinen, wenn sie von Lost Places oder Vergessenen Orten reden. Sie wollen diese aber durchaus unterschiedlich erleben. Letztlich ist also nicht eine genaue Definition eines Begriffes wie Lost Place oder Vergessener Ort interessant, sondern vielmehr eine Beschreibung der Tätigkeiten, die an solchen Orten stattfinden.

Für sachdienliche Hinweise auf Auseinandersetzungen mit den Begriffen Lost Place und Vergessene Orte wäre ich sehr dankbar!