Die Auflösung militärischer Standorte steht oft am Anfang verstärkter erinnerungskultureller Auseinandersetzungen mit der Zeit des Kalten Krieges und der Geschichte einer Garnison. Wenn bis dato militärisch genutzte Flächen in einem Konversionsprozess einer zivilen Nutzung zugeführt werden, erscheint das wie der Abschluss eines Kapitels in der Geschichte der betroffenen Gemeinde.

Anstatt kultureller und sozialer Aspekte stehen für die Kommunen jedoch vorrangig wirtschaftliche und planerische Entscheidungen an, um die Einbußen durch den Abzug des Wirtschaftsfaktors Militär zu kompensieren und eine sinnvolle Nachnutzung der betroffenen Liegenschaften zu erreichen. Die zur Zeit des Kalten Krieges neu errichteten Kasernen wurden häufig als Maßnahme der Wirtschaftsförderung in strukturschwachen Regionen angesiedelt. Gleichzeitig muss die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die im Auftrag des Bundes die freiwerdenden Liegenschaften der Bundeswehr und ausländischer Streitkräfte vermarktet, für eine wirtschaftliche Verwertung sorgen (vgl. Müller 2014).

Steht leer - Funktionsgebäude des ehemaligen Sonderwaffenlagers Kellinghusen

Stehen leer – Funktionsgebäude des ehemaligen Sonderwaffenlagers Kellinghusen

Strukturreformen bei der Bundeswehr

Mit dem Ende des Kalten Krieges hat in der Bundesrepublik eine massive Reduzierung von militärischen Einrichtungen und Personal eingesetzt, die bis heute nicht abgeschlossen ist. So wurde allein die reguläre Truppenstärke der Bundeswehr von rund einer halben Million Soldaten Ende der 1980er Jahre (ohne Reservisten, Neugebauer 2008, S. 326–346) schrittweise verkleinert und soll nach Angaben des Verteidigungsministeriums mit Abschluss der derzeitigen Neuausrichtung der Bundeswehr bei 185.000 Soldatinnen und Soldaten sowie 55.000 zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an dann 264 Standorten liegen (BMVg 2011). Ende der 1980er Jahre waren es noch 350 Standorte. Hinzu kommen die Restrukturierungen der in der Bundesrepublik stationierten Gaststreitkräfte der NATO-Partner USA, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Kanada (Neugebauer 2008, S. 212–251).

Konversion im Bereich Fulda weitgehend abgeschlossen

Da die militärische Bedeutung des Fulda Gap mit dem Ende der Deutschen Teilung wegfiel, wurden die US-Streitkräfte, die diesen Bereich der Grenze kontrollierten, schnell abgezogen (Cunningham und Klemmer 1995, S. 50–57, s. a. Fulda 1993; Jehn 2008, S. 653). Dazu gehörte auch die Fulda Military Community mit Kasernen in Bad Hersfeld und Fulda, die für die Überwachung von 385 Kilometern der Innerdeutschen Grenze zuständig war. Nach der Ankündigung, dass diese Standorte geschlossen werden, setzte sich unter anderem die Stadt Fulda intensiv für deren Erhalt ein und wurde sogar im Pentagon vorstellig – allerdings ohne Erfolg. Die US-Streitkräfte zogen schließlich 1994 ab und hinterließen der rund 60.000 Einwohner zählenden Stadt mit den 70 Hektar großen Downs-Barracks und dem 100 Hektar großen Airfield Sickels zwei große Konversionsaufgaben. Nach nunmehr zwanzig Jahren gilt die Konversion beider Standorte als erfolgreich abgeschlossen (HA 2013, S. 6–9): Das Kasernengelände der Downs-Barracks, die in den 1930er Jahren als Ludendorff-Kaserne errichtet worden war, ist heute ein funktional gemischtes Gebiet aus Wohnen und Gewerbe; auf dem ehemaligen Flugfeld entstand der neue Stadtteil Fulda-Galerie und ein Messegelände. Gleichzeitig wurden eine Reihe weiterer Liegenschaften, insbesondere Unterkünfte, (Munitions-)Depots und Übungsplätze der amerikanischen Streitkräfte aufgegeben. Hinzu kommen die Umstrukturierungen beim Bundesgrenzschutz, der heutigen Bundespolizei.

Gelungene Konversion: Stadtteil Fulda Galerie und Messe auf dem ehemaligen Flugfeld in Sickels

Gelungene Konversion: Stadtteil Fulda Galerie und Messe auf dem ehemaligen Flugfeld in Sickels

Während im Kern des Suchraums die Konversion militärischer Liegenschaften damit als weitgehend abgeschlossen gelten kann, ist das Bundesland Hessen nach wie vor stark von den Restrukturierungen bei der Bundeswehr und den US-Streitkräften betroffen (HA 14.10.2014). Bei den jüngsten Stationierungsentscheidungen des Verteidigungsministeriums wurde jedoch mit der Kaserne in Rotenburg an der Fulda am Rand des Suchraums nur ein Standort in Hessen zur Schließung vorgesehen (BMVg 2011).

Große Herausforderungen für Schleswig-Holstein

 

Kfz-Werkstatt

Schwierige Konversionsaufgabe: MFG-5 Gelände in Kiel-Holtenau

Schleswig-Holstein, in dem keine ausländischen Streitkräfte mehr stationiert sind, war hingegen nach den Standortentscheidungen der Bundeswehr von 2001 und 2004 auch vom jüngsten Stationierungskonzept von 2011 stark betroffen (Konversionsbüro [2011]). Von 20 Dienstposten der Bundeswehr je tausend Einwohner in 1988 (Piening 2006, S. 112) war der Wert bis 2011 auf 9,2 gesunken – und damit noch immer höher, als in jedem anderen Bundesland. Die gegenwärtigen Strukturreform sieht mit einem Wert von 5,4 Dienstposten pro tausend Einwohner noch immer mehr als das doppelte des bundesdeutschen Schnitts vor; die Zahl der Standorte wird jedoch drastisch reduziert (BMVg 2011).

Literatur

Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) (2011): Die Stationierung der Bundeswehr in Deutschland. Berlin. Online verfügbar unter http://www.bundeswehr.de/bwde/Stationierungsbroschuere2011.pdf, zuletzt geprüft am 26.10.2011.

Cunningham, Keith B.; Klemmer, Andreas (1995): Restructuring the US Military Bases in Germany: Scope, Impacts, and Opportunities. Bonn.

Hessen Agentur GmbH (HA) (Hg.): Konversionsberatung. Online verfügbar unter http://www.hessen-agentur.de/dynasite.cfm?dsmid=18814&newsid=14135&dsnocache=1, zuletzt geprüft am 14.10.2014.

Hessen Agentur GmbH (HA) (2013): Konversion in Hessen. Wiesbaden (Newsletter, 15).

Jehn, Alexander (2008): Die Garnision 1806-1993. In: Wolfgang Hamberger, Thomas Heiler und Werner Kirchhoff (Hg.): Geschichte der Stadt Fulda. Von der fürstlichen Residenz zum hessischen Sonderstatus. 2 Bände. Fulda. Bd. 2, S. 636–653.

Magistrat der Stadt Fulda (Fulda) (1993): Farewell Blackhorse. Der US-Militärstandort Fulda 1945 – 1994. Unter Mitarbeit von Michael Schwab. Fulda (Dokumentationen zur Stadtgeschichte, 15).

Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein, Konversionsbüro (Konversionsbüro) ([2011]): Aktionsplan Konversion Schleswig-Holstein. Aktionsplan der schleswig-holsteinischen Landesregierung zur Unterstützung der vom Stationierungskonzept betroffenen Standorte. Kiel. Online verfügbar unter http://www.schleswig-holstein.de/MWV/DE/Wirtschaft/Konversion/downloads/Aktionsprogramm.html, zuletzt geprüft am 20.03.2012.

Müller, Laura (2014): Bundeswehrreform und Konversion. Nutzungsplanung in betroffenen Gemeinden. Wiesbaden: Springer Gabler (BestMasters).

Neugebauer, Karl-Volker (Hg.) (2008): Grundkurs deutsche Militärgeschichte. Band 3. Die Zeit nach 1945. Armeen im Wandel. Militärgeschichtliches Forschungsamt (Potsdam). 3 Bände. München.

Piening, Holger (2006): Die Bundeswehr. In: Carsten Fleischhauer und Guntram Turkowski (Hg.): Schleswig-Holsteinische Erinnerungsorte. Heide. S. 104–113.