Der ehemalige Marinefliegerhorst Kiel-Holtenau hat eine lange Geschichte – auch zur Zeit des Kalten Krieges. Doch was macht das im Nachhinein betrachtet aus, wenn man mit Relikten aus 100 Jahren Standortgeschichte konfrontiert ist? Eigentlich ziemlich wenig – und doch mehr, als man zunächst denken mag.

Eine Art ‚Tag der offenen Tür‘

Am 20. September gab es für viele Kieler zum ersten Mal die Gelegenheit, das ehemals durch das Marinefliegergeschwader 5 (MFG5) genutzte Gelände in Kiel Holtenau in Rahmen von Führungen zu besichtigen. Wegen der vielen ungesicherten Gebäude und potenzieller Gefahren ist das Areal sonst nach wie vor für die Öffentlichkeit gesperrt und von einem Wachdienst gesichert. Das 75 Hektar große Gebiet soll von der militärischen in eine zivile Nutzung überführt werden (siehe Kasten ‚Konversion‘).  In einer Perspektivenwerkstatt des Stadtplanungsamtes standen folgerichtig auch Themen wie Wohnen am Wasser, das Verhältnis von Wohn-, Gewerbe-, Industrie- sowie Freizeit- und Erholungsflächen im Vordergrund. Im Rahmen einer Arbeitgruppe zu den ‚besonderen Orten‘ des MFG5-Areals formulierten die Stadtplaner aber auch diese Frage an die Bevölkerung:

Soll die militärische Vergangenheit des Areals ablesbar bleiben?

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Gebäudebestand von der Kaiserzeit bis heute

Das Gelände wurde seit 1913 militärisch genutzt; zuletzt von 1958 bis 2012 durch Marinefliegergeschwader der Bundeswehr, die neben Aufgaben im Gewässerschutz vor allem den Such- und Rettungsdienst (SAR – Search and Rescue) auf See mit ihren Hubschraubern übernahmen, deren Anblick über der Kieler Förde vielen Einwohnern vertraut geworden war. Die Gutachter (siehe Kasten ganz unten) zählten in ihrer Bestandsaufnahme über hundert Gebäude; die ältesten stammen aus der Zeit der Kaiserlichen Marine, wobei die meisten aus den 30er Jahren und damit in die Zeit der Aufrüstung vor dem Zweiten Weltkrieg datieren. Zu den Gebäuden aus der Zeit des Kalten Krieges zählen lediglich eine große Hubschrauberhalle aus den 70er Jahren sowie mehrere Kompaniegebäude und eine Sporthalle aus dieser Zeit. Da schon Anfang der 90er die Auflösung des Standortes vom Bund beschlossen wurde sind seit dieser Zeit nur noch wenige Veränderungen und Instandsetzungsmaßnahmen vorgenommen worden.

Ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung

Die Denkmalpflege hat das Gelände des Marine-Fliegerhorstes Holtenau schon in den 90er Jahren beschrieben (s.u.). Als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung (§5 Abs. 2 DSchG SH) ist allein das Offiziersheim aus der Kaiserzeit geschützt. Weitere acht Gebäude aus den 30er Jahren waren noch 2012 zur Eintragung in das Denkmalbuch vorgesehen, darunter Werkstatt- und Stabsgebäude. Außerdem wurde zehn weiteren Gebäuden der Status als ‚einfaches Kulturdenkmal‘ nach schleswig-holsteinischem Denkmalrecht zugesprochen, der jedoch keinen wirksamen Schutz vor Abriss oder Veränderung darstellt; darunter einige der ältesten Gebäude und Hallen sowie der nördliche Kasernenkomplex aus den 30ern. Ein Kasernenkomplex aus der Kaiserzeit, der in der Denkmaltopographie von 1995 erwähnt wird, wurde bereits zu Gunsten der Wohnanlage Fördeterassen abgerissen.

Militärische Relikte?

Relikte sind, dem Wortsinn nach definiert, Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit. Mit dem förmlichen Ende der militärischen Nutzung auf dem MFG5-Gelände in Holtenau kann man die dort durch das Militär errichteten Gebäude also mit Recht als militärische Relikte bezeichnen. Aus sich heraus ‚militärisch‘ sind freilich nicht alle diese Gebäude: Kraftwerke, Feuerwehren und Flugzeughangars; Sporthallen, Wohnhäuser und Bürogebäude gibt es schließlich auch im zivilen Bereich. Militärisch macht diese Gebäude der Kontext ihrer Entstehung, die Anordnung als Kaserne und die jahrelange Nutzung als solche. Gerade die Typbauten entfalten auch für sich allein genommen eine militärische Aura; auch wenn sich ein Kompaniegebäude aus den 70er Jahren auf den ersten Blick kaum vom Geschosswohnungsbau der selben Zeit unterscheidet.

Militärisch oder gewöhnlich?

Kfz-Werkstatt

Kfz-Werkstatt

Insgesamt erscheinen diese Überbleibsel des Fliegerhorstes ziemlich profan. Werkstätten, Schlafstätten, Sportstätten. Zwar in die Jahre gekommen, aber letzlich vom Bau bis zum Abzug der Bundeswehr für dengleichen Zweck genutzt. Das in einer Halle vielleicht zunächst Flugzeuge standen und später Ersatzteile lagerten dahingestellt. Lediglich das große Flugbetriebsfeld und die Rampen für Wasserflugzeuge an der Förde fallen augenscheinlich aus der Reihe.

Rund 30 Jahre Kalter Krieg hat das Gelände als Bundeswehr-Standort mitgemacht. Was ist auf dem Gelände-Rundgang zu sehen, was an den Kalten Krieg erinnern würde? Herzlich wenig. Bauzeitlich fallen nur wenige Gebäude in diese Kategorie – und archetypische Relikte des Kalten Krieges fehlen ganz. Die müsste man zwar erst einmal definieren; aber Atombunker, Flugabwehrraketen und große Radarstellungen gehörten sicherlich dazu. Das ‚Besondere‘ aus der Zeit des Kalten Krieges sucht man hier also vergeblich. Für die Gesamte Geschichte des Standortes sind wahrscheinlich höchstens die Flugzeughallen aus der Anfangszeit des See-Fliegerhorstes eine Besonderheit, die man nicht in nahezu jeder Kaserne des Landes mit ähnlich langer Nutzungsdauer findet.

Geschichten jenseits der Bausubstanz

Bei der Führung wird immer wieder auf das Wissen von Ehemaligen des Marinefliegerhorstes zurückgegriffen

Bei der Führung wird immer wieder auf das Wissen von Ehemaligen des Marinefliegerhorstes zurückgegriffen

An den Führungen über das gerade ausgeschiedene Militär-Gelände nehmen auch einige ‚Ehemalige‘ teil. Sie haben teils vor 50 Jahren ihren Dienst hier versehen, teils noch bis vor wenigen Jahren und wollen einfach noch mal schauen, wie es jetzt hier aussieht. Bevor die Bagger kommen. Ihre Biographien fallen in die Zeit des Kalten Krieges. Auch in ihren Storys spielt er kaum eine Rolle. Thema sind Bälle im Offiziersheim, Partys in der Flugzeug-Halle, Leben und Arbeiten auf dem Areal und die Einsätze der Kameraden. Ein Teilnehmer der Perspektivenwerkstatt sagt später, dass man sich ja schon ein wenig als Pazifist in Uniform gefühlt habe. Schließlich arbeitete man für Lebensrettung auf hoher See – und im Gegensatz zu anderen Standorten nicht mit dem Ziel der Gewaltanwendung (wenn auch zur Verteidigung).

Allein diese kleine Episode kann Niemand ohne Hintergrundwissen beim bloßen Spaziergang auf dem Gelände erahnen. Und doch spielt der Kalte Krieg in den Aussagen des Ehemaligen eine Rolle, gewissermaßen als Negativfilm. Der Kalte Krieg, das waren die Anderen.

Fazit: Aufträge, Biographien, Orte

Teilnehmer der Führungen erkunden das Flubetriebsfeld am Rand der Kieler Förde

Teilnehmer der Führungen erkunden das Flubetriebsfeld am Rand der Kieler Förde

Wenn die Stadtplaner recht suggestiv fragen, ob die „militärische Vergangenheit des Areals ablesbar bleiben“ soll, macht das nur deutlich, wie viel unserer Gesellschaft an der Vergegenwärtigung von Vergangenheit liegt. Ein Mittel dazu ist der Denkmalschutz, der aus fachlicher Sicht Relikte der 1910er und 1930er Jahre als erhaltenswert eingestuft hat. Doch allein kann die staatliche Baudenkmalpflege nicht leisten, was als Vergangenheit des Areals in irgend einer Weise in Erinnerung gehalten werden soll.

Eine Standort-Geschichte wie die des MFG5-Geländes in Holtenau ist eine komplexe Angelegenheit. Wechselnde militärische Aufträge und viele individuelle Biographien überschneiden sich auf diesem Gelände, das über Jahrzehnte bebaut, genutzt und verändert wurde. Der Kalte Krieg macht rein zeitlich (nur) rund ein Drittel der Geschichte des Standortes aus.

Am Ende der Perspektivenwerkstatt gab es auch ein paar Ideen, wie man mit der Geschichte des Areals umgehen könnte. Von einem Friedens-Park über einen Geschichtspfad bis hin zu einem Dokumentations- und Infozentrum für den gesamten Konversionsprozess reichten die Ideen. Genau hier fangen die Fragen des Forschungsprojektes Militarisierte Landschaft – Erinnerungslandschaft an: es ist ein spannender und äußerst politischer Prozess, wer wie die komplexe Vergangenheit dieses Ortes in der Gegenwart (und zukünftig) erhalten will. Die zahlreichen Konversionsbemühungen im Land werden noch reichlich Anlass für solche Prozesse geben.

Noch bis zum 4. Oktober hat das Stadtplanungsamt der Landeshauptstadt Kiel zur Diskussion über die Zukunft des MFG5-Areals und die Ergebnisse der Perspektivenwerkstatt auf einem Blog eingeladen.

Konversion

…in Schleswig-Holstein

Im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr hat das Verteidigungsministerium 2011 ein neues Stationierungskonzept vorgelegt. Danach stehen neben den bisherigen Beschlüssen seit den 90er Jahren noch 20 weitere Liegenschaften in den nächsten Jahren zur Schließung an. Insgesamt spricht das Kieler Wirtschaftsministerium von knapp 50 Konversionsflächen. Mit dem Begriff Konversion wird die Umnutzung von zuvor meist militärisch genutzten Flächen bezeichnet. Erst wenn das Verteidigungsministerium erklärt, dass es eine Fläche nicht mehr für Zwecke der Landesverteidigung benötigt, kann die Gemeinde (wieder) ihre kommunale Planungshoheit über diese Flächen ausüben. Für die Gemeinden ist die Konversion häufig mit großen Belastungen verbunden – einerseits verlieren Sie die wirtschaftlichen Impulse der oft im strukturschwachen Raum gelegenen Bundeswehrstandorte, andererseits sind oft hohe Aufwendungen für die Sanierung und Erschließung der entsprechenden Flächen zu tragen. Andere Flächen werden dem Natur- und Landschaftsschutz zugeführt (z. B. Nordoe bei Itzehoe).

…des MFG 5 in Kiel-Holtenau

Im März 2013 verließen die letzten Mitarbeiter des Marinefliegergeschwaders (MFG) 5 das Gelände in Kiel-Holtenau. Bereits 1991, kurz nach der Wende, hatte das Verteidigungsministerium den Abzug aus Kiel beschlossen, der dann aber doch noch über 20 Jahre auf sich warten ließ. Das Gelände ist zum Verkauf durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) ab 2015/16 vorgesehen. Die Landeshauptstadt Kiel hat nach langem Widerstand gegen den Abzug des MFG 5 Anfang 2010 den Konversionsprozess eingeleitet. Der Auftrag an die Verwaltung lautet, dort „ein vitales, mischgenutztes Quartier mit Wohnen, Gewerbe, Freizeit, Segeln, Tourismus, Sport und Gemeinbedarfsflächen zu entwickeln.“ Anfang 2011 wurde dann das förmliche Verfahren, sogenannte Vorbereitende Untersuchungen nach §141 Baugesetzbuch, in Auftrag gegeben. Inzwischen liegt ein Zwischenbericht der Gutachter von August 2012 vor. Die Perspektivenwerkstatt vom 20./21. September wurde Anfang des Jahres von der Ratsversammlung beschlossen, um zu einer „Konkretisierung einer Nutzungsentscheidung für das MFG 5 Areal in Kiel – Holtenau“ zu finden.

Umfangreiche Informationen zum Areal des MFG5 bietet der Zwischenbericht für die vorbereitenden Untersuchgen gemäß §141 Baugesetzbuch von August 2012.

Zum Denkmalbestand: Wilde, Lutz; Jacobs, Renate (1995): Landeshauptstadt Kiel. Neumünster: Wachholtz (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Kulturdenkmale in Schleswig-Holstein, 1) S. 558–561.